 |   |  | | | DRAGON-Leseprobe aus Band 1
Amee ging halb um den Schrein herum. Wie so oft in der Vergangenheit war sie in den Anblick des schlafenden Gottes versunken. Er sah nicht aus wie ein Gott,
sondern wie ein Mann, der ein paar Jahre älter als sie, dazu größer und kräftiger als Partho war. Sein Haar war von der gleichen Farbe wie ihres - braun
wie die Frucht der Kastanie. Sein Gesicht war trotz seiner Jugend gut geschnitten, es verriet Willensstärke und einen wachen Verstand. Er war gänzlich
bartlos. Die Prinzessin seufzte und riß sich los.
"Habt ihr in all den Jahren niemals versucht, ihn aufzuwecken?"
"Unser Unverstand hätte ihn töten können."
Seine Haut zeigte die Farbe heller Bronze. Er war nackt bis auf ein Amulett, das an einer Kette auf der Brust lag und aussah wie eine kleine, strahlende
Sonne. Er hatte noch niemals die Augen geöffnet - doch fast alle Stadtbewohner kannten ihn. Amee hob den Blick von den vertrauten Zügen und musterte
Damos über die Wölbung des Schreines hinweg.
"Aber wir haben vor einiger Zeit diese schwarze Abdeckung geöffnet. Bruder Kelim entdeckte den Mechanismus. Hier..." Er drückte an einer Stelle, und die
runde, leicht gewölbte Scheibe klappte auf. Darunter befand sich ein Gewirr rätselhafter metallischer Linien und Stifte. Darüber eine winzige Lampe,
die in langen, regelmäßigen Abständen blinkte.
"Was ist das?" flüsterte sie mit angehaltenem Atem. "Der Schlag seines Herzens?"
Damos schüttelte den Kopf. "Nein. Nicht sein Herzschlag, aber der des Schreins. Manchmal, wenn man ihn berührt, kann man sein Leben spüren. Bruder
Kelwin glaubt zu wissen, daß der Schläfer erwachen wird, wenn dieses geheimnisvolle Leben des Schreins endet. Und er glaubt zu wissen, wie man es
beenden kann. Wie haben eine kleine gläserne Tafel, deren Bedeutung uns bis vor kurzem unklar war. Ich habe nach ihm und der Tafel gesandt..."
Amees Gesicht rötete sich vor Aufregung. "So willst du nun den Versuch wagen?"
Damos nickt mit einem Ausdruck des Bedauerns. "Wir sahen uns immer als Bewahrer und Vermittler von Wissen. Vor allem als Bewahrer. Vieles wäre ohne
uns längst unwiederbringlich verloren. Dieser schlafende Mann ist der Schlüssel zu einer Zeit der Legenden und großen Wunder, wenn nur ein wenig
Wahrheit in den alten Überlieferungen ist. Vielleicht ist er der Schlüssel zu großer Macht. Seine Welt ist versunken. Er weiß wahrscheinlich, weshalb,
und kann unsere Welt vor einem ähnlichen Geschick bewahren." Er lächelte. "Du siehst, wir erwarten alle Wunderbares von diesem Mann, der vielleicht
in seiner Zeit nur ein einfacher Bauer gewesen ist."
Amee schüttelte entschieden den Kopf. "Er trägt das Amulett eines hohen Herren. Sie hätten nicht einen Bauern oder Sklaven in diesen Schrein gelegt.
Ich halte ihn für einen ganz besonderen Mann. Ich glaube, daß er all diese Wunder vermag, die wir von ihm erhoffen", flüsterte sie.
Das Lächeln des alten Mannes vertiefte sich. "Immer waren die Träume größer und mächtiger als die Wirklichkeit, meine Tochter."
"Aber sind das nicht gerade die Träume, die uns die Kraft geben, uns der Wirklichkeit zu stellen, wie grausam sie auch manchmal sein mag, Vater Damos?"
erwiderte sie leidenschaftlich.
"Ja, vielleicht. Manchmal machen sie uns auch blind."
Amee errötete.
"Ich sehe in deinen Augen mehr als die Hoffnung auf ein Wunder, das deine Schwester und dein Königreich in dieser verzweifelten Stunde retten könnte..."
"Es ist mehr... viel mehr...", sagte sie leise.
"Dein Herz schlägt schneller, wenn du ihn ansiehst."
Amee nickte und schwieg.
" Wenn wir den Schrein öffnen, mag es geschehen, daß du dein Herz an einen Toten verloren hast", sagte der alte Mann ernst.
Sie versetzte gepreßt: "Das wird auf jeden Fall geschehen, wenn Obad und all die anderen verblendeten Angeber das finsteren Gottes den Tempel stürmen
und den Schrein zerstören."
Damos nickte zustimmend. "Wir können ihn nicht mehr schützen. Es ist zu spät, ihn fortzuschaffen. Deshalb haben wir die letzte Nacht entschieden, das
Wagnis einzugehen. Hoffen wir, daß es Bruder Kelwin und seinen Helfern gelingt, das Wunder zu vollbringen. Wenn er lebt..." Damos schüttelte den Kopf.
"Mit seinem Wissen wird die Welt nicht mehr dieselbe sein. Doch welche Tragik es wäre, nach tausend Jahren Schlaf zu sterben."
"Welche Träume er wohl hat?" flüsterte Amee.
Die Seitentür öffnete sich, Bruder Kelwin, ein kleiner, freundlicher, fast glatzköpfiger Mann, und eine Frau mittleren Alters traten ein. Amee kannte
ihren Namen, Elwena, und wußte, daß sie noch nicht lange in der Ansiedlung war. Sie kam von einer Gruppe der Weisen weiter im Norden.
Bruder Kelwin schwenkte eine kleine gläserne Tafel in der Rechten, während er, gefolgt von Elwena, auf den Schrein zuging. Zu Damos sagte er. "Verzeih
die Verspätung, Bruder!" Elwena hat eine Deutung der vier kryptischen Symbole, der ich zustimme. Sie kennt die Alte Schrift wie kein anderer... Verstehe
mich recht, Damos. Es gibt keine Sicherheit. Aber eine bessere Chance werden wir ihm vielleicht auch in hundert Jahren nicht bieten können...
Ohne eine Antwort abzuwarten, mit nur einem kurzen Lächeln zu Amee, trat er an den Schrein. "Ah, du hast schon geöffnet... Hier..." Er hielt die
gläsernen Tafel vorsichtig über das silberne Muster von Stiften und Linien und drückte sie nach einem Augenblick fest an.
Kaum war sie mit dem Schrein verbunden, zuckte er ein wenig zurück, denn das Lämpchen erlosch, dafür leuchteten Symbole und Buchstaben auf der gläsernen
Platte.
Amee hielt den Atem an. Ihr Herz hämmerte. Die Stille, dachte sie, ist anders geworden. Sie versuchte zu lauschen, aber ihr Herz schlug zu laut.
Bruder Kelwin trat zur Seite. "Dir gebührt die Ehre, Elwena. Du erlaubst, Damos?"
Damos nickte, Elwena hob die Hand, richtete den Zeigefinger auf die Platte und hielt inne. Sie schien nicht die Kraft zu finden. Sie sah sich hilfesuchend
um. "Wenn alles falsch ist... wenn ich mich irre..."
Amee trat rasch zu ihr und berührte sie an der Hand. "Laß mich dir helfen, Elwena. Laß es mich sein, die ihm das Leben wiedergibt. Jetzt Elwena... jetzt!"
(...)
Er sprach die Alte Sprache, aber sie verstanden ihn nicht gleich, weil sie aus seinem Mund so fremd klang.
"Wir wissen nichts von Drachen", erwiderte Damos nach einem Augenblick. "Aber in Urgor sind die Feuer noch nicht erloschen."
"Urgor?" wiederholte der Schläfer und versuchte nachzudenken, aber das schien ihn zu erschrecken.
"Was sagt er?" wollte Partho wissen, aber niemand nahm sich die Zeit, ihm zu antworten.
"Jedenfalls nichts Bedrohliches, wie mir scheint!", meinte Nabib.
Der Schläfer blickte in die Richtung und lauschte. "Welche Sprache sprechen diese Männer?"
"Sie hat keinen Namen", erklärte Damos. "Man kann sich bis weit in den Norden damit verständigen. Der Dialekt von Urgor wird am ganzen Raxos gesprochen."
Der Schläfer schüttelte verwirrt den Kopf. "Wo bin ich?"
"In meinem Reich", sagte Amee rasch. "Von ganzem Herzen willkommen, aber in Gefahr... wie wir alle. Kannst du aufstehen?"
"Willst du uns nicht sagen, wer du bist?" bat Damos.
Der Schläfer, der sich unter Amees helfenden Armen aufgesetzt und die Beine über den Rand seiner Lagerstatt geschwungen hatte, hielt inne. Er wollte antworten
und hielt erneut inne. Er schien nachzugrübeln, und ein verlorener Ausdruck kam in seine Augen. "Ich glaube... mein Name ist Dragon. In meinen Träumen
war mein Name... Dragon. Daran erinnere ich mich. Aber selbst meine Träume beginnen mir zu entgleiten. Ich weiß nicht mehr, was vor meinen Träumen war...
nur Feuer..."
Er wirkte plötzlich so verloren, daß Amee die Tränen in die Augen traten und Partho seine Feindseligkeit überwand und ihm zur Seite eilte, als er aufstehen
wollte und vor Schwäche schwankend nach Halt suchte, den er vor allem an seinem goldenen Amulett zu finden schien, um das sich seine rechte Hand krallte.
Schließlich schüttelte er alle helfenden Hände ab und fragte keuchend vor Anstrengung. "Wie lange lag ich in meiner Überlebenszelle?"
Er deutet auf den Schrein. Er wartete nicht auf Antwort, sondern beugte sich über die gläserne Platte, deren Lichter erloschen waren. Er sagt etwas,
das wie ein Fluch klang.
"Mehr als das Maximum", murmelte er. "Mehr als hundertfünfzig Jahre..."
"Vor hundertfünfzig Jahren, sagen die Annalen meiner Brüder, standen Urgors Mauern schon über hundert Jahre lang, und Amees Vorfahren schufen ihr
Königreich am Raxos", erklärte Damos. "Die Welt war damals nicht anders als jetzt.
Nein, deine... Überlebenszelle... stammt aus einer ganz anderen Zeit, Dragon. Wir glauben, daß du aus dem Goldenen Zeitalter stammst. Elwena weiß von uns
allen am meisten darüber. Wie lange es wahrscheinlich her ist, daß Atlantis versank..."
"Atlantis" wiederholte Dragon, und einen Atemzug lang schien es, als könne dieses Wort Erinnerungen wecken. Dann schüttelte er nur den Kopf und blickte
auf Elwena.
"Wie lange?" fragte er heiser.
Die Wahrheit mag nicht leicht zu ertragen sein", begann sie unsicher.
"Wie lange, Elwena?"
"Zweitausend Jahre, vielleicht auch..." Sie hielt inne, als sie sah, daß Dragon auf seine Schlafstatt zurückgesunken war...
| |  |      |  |  | Dragon ist ein eingetragenes Warenzeichen der Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt. |